Die Schanzberge bei Brietzig – Ein faunistisches Kleinod für (phytophage) Coleopteren kontinentaler Steppenrasen

Angeregt durch Heike Ringel von der Arbeitsgemeinschaft Geobotanik (NABU-Landesfachausschuss Botanik) wurde das Os „Schanzberge bei Brietzig“ am 09.06., 11. 06., 17.06 und 17.08.2018 einer näheren Untersuchung der (phytophagen) Käferfauna z. T. mit Herrn RINGEL (Greifswald) unterzogen. Die floristische Ausstattung, Lage und geomorphologische Beschaffenheit des Naturschutzgebietes ließ die Erwartung zu, dort Vertreter einer, zumindest im Osten und Südosten unseres Bundeslandes einstig verbreiteten, Steppenreliktfauna anzutreffen. Die Untersuchungen erfolgten im Rahmen der Erfassung der Landesfauna, die zu einem späteren Zeitpunkt die Erarbeitung einer „Roten Liste“ gefährdeter Arten ermöglichen soll. Derzeitiger Schwerpunkt gilt besonders der Erfassung der Fauna von Sonderstandorten (Feuchtlebensräume, Ackerränder, magere Heiden/Sandmagerrasen). Mecklenburg-Vorpommern ist historisch gesehen ein schlecht erfasstes Bundesland. Die derzeitige Datenlage lässt bei den Familien der Blatt- und Rüsselkäfer eine sinnvoll begründete Aufstellung solch einer Liste noch nicht zu. Es werden ständig noch „neue“ Arten aufgefunden bzw. ist die Verbreitung und Habitatbindung relevanter Arten in unserer Region oft noch unbekannt. Es kristallisiert sich aber heraus, dass Mecklenburg-Vorpommern eine deutschlandweit hohe Verantwortung für den Erhalt von Reliktarten kontinentaler und subkontinentaler (Sand-)Magerrasen und eurosibirischer Feuchtlebensräume trägt.


Die Vertreter der Blatt- und Rüsselkäfer sind oft mit einfachen statistischen Fallenfangmethoden kaum erfassbar. Der Einstieg in ihre Bestimmung gilt als „schwierig“ und ein erfolgreicher Nachweis setzt außer dem puren Zufall spezielle Kenntnisse über Botanik, Biologie und standörtliche Bindungen (falls schon bekannt) voraus. Fast alle Vertreter sind in ihrer Biologie eng mit dem Wachstumsrhythmus ihrer Wirtspflanzen verknüpft, woraus sich ihr zeitlich eng begrenztes Auftreten als Imago herleitet. Möchte man die Fauna in einem Habitat einigermaßen „vollständig“ erfassen, sind mehrere Begehungen im Jahresverlauf mehrerer Jahre und die Anwendung unterschiedlichster Nachweismethoden notwendig. Daher werden diese Käfergruppen kaum für die Biotopbewertung herangezogen, obwohl viele ihrer Vertreter einen hohen Indikatorwert besitzen und Standortsspezialisten sind. Nutzungs- und Pflegekonzepte haben aufgrund der phytophagen Lebensweise einen unmittelbaren Einfluss auf die Existenz der Arten. Besonders hoch ist der Einfluss bei Arten, deren Präimaginalstadien endophag in der Wirtspflanze leben, z.B. im Stängel, in den Blättern, Blütenköpfen oder Früchten. Diesen Präimaginalstadien ist eine Flucht bei „Gefahr“ nicht möglich, sie sind Bestandteil der Nahrung von Weidetieren oder gehen als getrocknete Fett- und Proteinreserve in der Heuwerbung auf. Sich im Wurzelhals oder in den Wurzeln entwickelnde Arten sind weniger betroffen, vorausgesetzt die Wirtspflanze selbst wird durch die Nutzung nicht zu sehr beeinträchtigt und verliert die Eigenschaft als Entwicklungspflanze dienen zu können. Ektophag lebende Arten sind weniger betroffen, da diese sich bei „Gefahr“ zu Boden fallen lassen können und so zumindest ein Teil der Population der Vernichtung entgehen kann. Die Mehrzahl der Rüsselkäferarten entwickelt sich endophag, Blattkäfer vorwiegend ektophag, die Vertreter der „Erdflöhe“ (Alticinae) jedoch auch z.T. endophag, als Minierer in den Blättern, im Stängel oder im Wurzelhals.


Neben der sehr guten floristischen Ausstattung eines kontinental geprägten „Steppenrasens“ auf dem Os „Schanzberge bei Brietzig“ war es eine Überraschung, wie viele hoch gefährdete Vertreter insbesondere unter den Rüsselkäfern in diesem kleinem Schutzgebiet nachzuweisen waren. Die Anzahl der Arten ist nach Kenntnis des Autors bisher einzigartig in unserem Bundesland. Dabei war dies nur eine Momentaufnahme, zu anderen Jahreszeiten ist sicherlich mit noch mehr zu rechnen.

 

Den gesamten Artikel von Jens Kulbe (Zweckverband Peenetal-Landschaft) finden Sie hier: PDF Icondie_schanzberge_bei_brietzig_2019_02_22.pdf

Komm, wir gehen stiften

Ihr Euro zählt doppelt!

Mit Ihrer Zustiftung
unterstützen Sie die
Stiftungsarbeit
sogar doppelt.

> weitere Informationen